Paul Pietsch - 100 Jahre bewegtes Leben
Im Schalensitz Nr. 72
Der krönende Abschluss der „Paul Pietsch Classic“ war nach rund 500 Rallye-Kilometern der Empfang auf Schloss Solitude am Sonntag Abend mit anschließender Gala in einem auf der Schloss-Rückseite eigens für die rund 200 Gäste aufgestellten Zelt. „Ein Zelt in dieser Größe und Güteklasse hat es auf dieser historischen Stätte noch nie gegeben“, so der prominente und umtriebige Koch Jörg Mink, der für die Schloss-Gastronomie verantwortlich ist.
Der eigentliche Festakt fand dann am tatsächlichen Geburtstag des Verlagsgründers im Weißen Saal des Neuen Schlosses der Stadt Stuttgart statt. Rund 300 hochrangige Gäste aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik erlebten Festredner wie Dr. Nils Schmidt, stellvertretendes Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Prof. Dr. Ferdinand Piech, VW-Aufsichtsratsvorsitzender, Prof. Dr. Hubert Burda, Präsident der Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger sowie Peter-Paul Pietsch, Sohn des Jubilars. Das bewegende Leben von Paul Pietsch konnte so in allen Facetten durchleuchtet werden, wobei die launige Festrede von Hubert Burda deutlich hervorstach. Dieser würdigte das Automobil als Juwel der deutschen Wirtschaft und machte deutlich: Was Florenz für die Renaissance bedeutet, bedeutet Stuttgart für das Automobil.“ Der Verleger machte aber auch deutlich, dass neben Florenz auch Venedig glänzte und erst die Konkurrenz beider Städte Italien groß gemacht habe. Die Flanke in Richtung Wolfsburg hatte Dr. Nils Schmidt gänzlich unterschlagen. Der stellvertretende Ministerpräsident betonte etwas zu beharrlich auf der Feststellung, dass „die besten Autos aus Baden-Württemberg kommen und auch künftig kommen werden.“. Nach der dritten dieser einseitigen Betrachtungen vermuteten die Gäste eine bissige Antwort von dem nachfolgenden Redner Dr. Ferdinand Piech. Diese blieb aber aus und Piech schwelgte eher in Erinnerungen der Pietsch-Ära und brachte das Erfolgsrezept des Jubilars auf den Punkt: „Es sind seine Bestrebungen nach technischer Perfektion, sein Stehvermögen uns sein Benzin – und heute auch Diesel – im Blut.“.
Paul Pietsch wird am 20. Juni 1911 in Freiburg im Breisgau als Sohn des Braumeisters Alois Pietsch und dessen Gattin Amalie geboren. Als Dreizehnjähriger erlebt er sein erstes Autorennen – und ist sofort fasziniert. Zwar durchläuft der Freiburger bis 1929 noch erfolgreich die zweijährige Handelsschule und beginnt eine Lehre als Bierbrauer. Doch 1931 startet Paul Pietschs Motorsportkarriere als blutjunger Privatfahrer. Gegen den Widerstand seiner Mutter kauft sich der junge Pietsch nach seinem 20. Geburtstag von dem Erbe seines früh verstorbenen Vaters einen gebrauchten Bugatti 35B, der vorher dem damals sehr prominenten deutschen Privatfahrer Heinz Joachim von Morgen gehört hat. Der erste Einsatz am 29. Mai 1932 bei einem Rennen in Wiesbaden-Erbenheim gerät spektakulär: Als Pietsch klar in Führung liegend einem scheinbar sicheren Sieg entgegenfährt, bleibt der Bugatti plötzlich stehen. Doch statt eines technischen Defekts stellt sich Spritmangel als Ursache heraus: Pietschs Mechaniker hatte vergessen, genug Treibstoff in den Tank zu füllen.
Der zweite Versuch beim Internationalen Kesselberg-Rennen, bei dem er zum ersten Mal auf die ganz Großen des damaligen Rennsports trifft, führt den jungen Badener zum ersten Mal aufs Siegerpodest: Hinter Rudolf „Carratsch“ Caracciola und dem Schweizer Bergspezialisten Hans Stuber kommt „das Rennbaby“, wie Pietsch danach halb spöttisch, halb anerkennend genannt wird, als Dritter ins Ziel.
Der erste Sieg lässt dann nicht lange auf sich warten: Am 28. August 1932 gewinnt Pietsch bei seinem zehnten Start das Riesengebirgs-Rennen, gefolgt von einem weiteren Sieg am 11. September beim Rennen um den Elbepokal in Leitmeritz in der Tschechoslowakei. Damit hat sich der Nachwuchsfahrer Respekt und einen guten Ruf verschafft. 1933 bis 1934 etabliert sich Pietsch auf Alfa Romeo durch viele Rennerfolge als feste Größe im Rennzirkus und wird 1935 gemeinsam mit Bernd Rosemeyer als Nachwuchsfahrer in das Team der Auto Union berufen. Nach nur einem Jahr – Pietsch hatte Differenzen mit dem Rennleiter und Probleme mit den Auto-Union-Sechzehnzylindern – geht der Schwarzwälder wieder als Privatfahrer auf Alfa Romeo und später auf Maserati erfolgreich an den Start.
Als ein Höhepunkt der Karriere des Rennfahrers Paul Pietsch gilt der Große Preis von Deutschland am 23. Juli 1939 auf dem Nürburgring. Auf seinem Maserati 8 CTF bietet Pietsch in einem bravourösen Rennen der Übermacht der Silberpfeile von Auto Union und Mercedes-Benz überraschend die Stirn und lässt sie für kurze Zeit hinter sich. Wegen technischer Probleme mit seinem Rennwagen kann Pietsch die Führung nicht halten und muss sich Rudolf Caracciola und Hermann Müller geschlagen geben. Paul Pietsch gibt Jahrzehnte später zu Protokoll: „Ich glaube schon, dass der Große Preis 1939 mein bestes Rennen war.“
Der Zweite Weltkrieg, der wenige Wochen später mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen beginnt, lässt keinen Motorsport mehr zu. Paul Pietsch wird am 2. Januar 1940 zum Militär eingezogen und muss wie Millionen andere Männer in den Krieg ziehen.
Nach der Rückkehr aus dem Krieg und zweifacher Verwundung und Gefangenschaft beginnt Pietsch 1946 seine zweite Karriere als Verleger. Wieder zurück im zerbombten Freiburg trifft Pietsch auf zwei alte Bekannte, die er noch aus seiner Rennfahrerzeit vor dem Krieg kennt: Ernst Troeltsch und Josef Hummel. Die Drei teilen noch immer ihre Begeisterung für den Rennsport, schwelgen in alten Erinnerungen und entwickeln im Laufe der Zeit eine Vision: Wir machen eine Autozeitschrift! Mit den erhofften Einnahmen planen sie, zu dritt wieder in den Rennsport einsteigen zu können.
Mitte 1946 steht der Entwurf für die erste Autozeitschrift und das Trio legt der französischen Militärdienststelle Baden-Baden, die für die Lizenzierung von Presseorganen zuständig ist, ein gedrucktes Probeheft vor. Nach monatelangen, zähen Verhandlungen mit der französischen Militärregierung („In Deutschland wird es nie wieder so viele Autos geben, dass eine Autozeitschrift nötig wäre“) erhalten sie 1946 das begehrte Dokument, die Zeitschriften-Lizenz Nummer 1308. Im Dezember 1946 erscheint dann mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren und einem Umfang von 36 Seiten zum ersten Mal die Zeitschrift „DAS AUTO“, der Vorläufer der späteren auto motor und sport. Ab Juni 1947 wird „DAS AUTO“ aufgrund der großen Nachfrage monatlich publiziert; die Auflage klettert auf 50.000 Exemplare.
Der wirtschaftliche Erfolg des Verlages bahnt für Pietsch tatsächlich den Weg zurück in den Motorsport. 1950 startet er in dem blauen Veritas RS seines Freundes Josef Hummel und zeigt gleich bei seinem ersten Start, dass er in den elf Jahren Zwangspause nichts verlernt hat: Am 11. Juni 1950 gewinnt Pietsch das Eifelrennen auf dem Nürburgring in der Klasse der Sportwagen bis 1,5 Liter. 1950 gewinnt er auch die Deutsche Sportwagenmeisterschaft und 1951 die Deutsche Rennwagenmeisterschaft.
Doch der Erfolgskurs im Rennsport währt nicht lange: Ein schwerer Unfall beim AVUS-Rennen am 28. September 1952 und die wachsende berufliche Doppel-Belastung führen bei Paul Pietsch zur Entscheidung, die Rennfahrer-Karriere an den Nagel zu hängen und sich voll auf den rasch wachsenden Verlag zu konzentrieren. Nach dem Ausstieg von Josef Hummel sowie dem unerwarteten Tod seines Freundes und Geschäftspartners Ernst Troeltsch führt Pietsch ab 1956 den Verlag allein weiter und macht aus ihm Schritt für Schritt das größte Special-Interest-Zeitschriftenhaus Europas: Pietsch ergänzt das Verlagsportfolio um Zeitschriften im Motor-, Sport- und Lifestyle-Bereich, baut international aus und fungiert bis zu seinem 65. Lebensjahr als erfolgreicher Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart.
Ende 1976 zieht sich Pietsch aus dem Tagesgeschäft des Verlags zurück. Er bleibt als sehr aktiver Vorsitzender des Beirats dem Unternehmen weitere 20 Jahre eng verbunden und beeinflusst dessen Geschicke maßgeblich weiter.
Im Schalensitz-Herausgeber Tobias Aichele war sehr geehrt, zu den 300 international geladenen Gästen gehört zu haben und freute sich ganz besonders darüber, exklusiv die Zusammenkunft des „Club international des Anciens Pilotes de Grand Prix F. 1“, also des Clubs der ehemaligen Formel 1-Fahrer, mit Paul Pietsch fotografieren zu dürfen. Aichele hatte Pietsch während seiner neun Jahre Verlagszugehörigkeit noch erleben dürfen und erinnert sich besonders gerne an einen Fototermin im Jahr 1996 zurück, als er den Grandseigneur mit seinem Sohn Peter Paul inmitten der Porsche Turbo-Flotte der Familie für das Buch „Mythos Porsche“ fotografieren durfte – mit viel Zeit für intensive Gespräche. Lieber Herr Pietsch, ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu Ihrem 100. Geburtstag und möchte mich hochachtungsvoll für die wertvollen Jahre in dem von Ihnen gegründeten Verlag bedanken, die meinen späteren Werdegang einschneidend positiv geprägt haben. Ihr Tobias Aichele.
Hier gibt es mehr Rennsport auf Carsablanca:
Oldtimer & Youngtimer kaufen im Carsablanca Oldtimermarkt
Weitere Artikel aus dieser Serie
- 100 Ausgaben im schalensitz: mit Walter Röhrl in Ausgabe 1 fing alles an
- Eugen Böhringer: 90 Jahre-Feier im Mercedes-Museum
- Stéphane Peterhansel: Sieger der 25. Rallye Dakar
- Dieter Zetsche: „Gelber Engel“ für die Persönlichkeit 2012
- Wolfgang Graf Berghe von Trips: Dauerausstellung im Automuseum Prototyp
- Michael Schumacher: Sieg im Nation-Cup beim ROC
- Rauno Aaltonen: Der Rallye-Professor bei der Planai-Classic
- Manfred Schurti: 70 Jahre
- Siegfried Seifert: Der besondere Senior bei der Essen Motor Show
- Horst Lichter: Die Oldiethek war ein wichtiger Lebenszyklus
- Jim Redman: Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag
- Martin Tomczyk: DTM-Champion 2011
- Derek Bell: Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag
- Alfred Guldi: Mit 500 PS beim Haldenhof Revival - Waft
- Jacky Ickx: Repräsentant auf der IAA und Filmpremiere im Schloss Bensberg
- Heidi Hetzer: Engagiert bei der Bertha Benz Challenge
- Erik Comas anlässlich der e-miglia: Die E-Mobilität kommt
- Mario Ketterer: Bergrekord für immer
- Karl-Heinz Kalbfell: Bei der Bosch Boxberg Classic 2011
- Prinz Leopold von Bayern: Die Württembergische Classic hat gepasst
- Tobias Aichele: 10 Jahre Solitude Revival
- René Rast: Triumph beim größten Porsche-Rennen aller Zeiten
- Smudo: Farbe in das 24-Stunden-Rennen gebracht
- Paul Pietsch - 100 Jahre bewegtes Leben
- Maria Teresa De Filippis: Club der ehemaligen Formel 1-Fahrer in Riccione
- Uwe Nittel: Mit dem Artega GT in der „grünen Hölle“
- Joachim Winkelhock: überwältigt von mehr als 43.000 Besuchern
- Frank Stippler: Eine neue fahrerische Herausforderung
- Sean Edwards: Sieg in Barcelona und die Tabellenführung
- Dietrich Mateschitz: Die gelungene Eröffnung des Red-Bull Rings in Spielberg
- Derek Bell: Einen solchen Auftakt zum 125. Geburtstag des Automobils hätte ich nicht erwartet
- Jochen Mass: Die Wiedereröffnung des alten Fahrerlagers auf dem Nürburgring war einmalig
- Herbert Linge: Faszination Hockenheim Historic
- Hans Herrmann: Ein Wiedersehen mit dem Porsche 908/3 auf der Techno Classica
- Hans-Joachim Stuck: 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring mit seinen beiden Söhnen
- Wolfgang Huter: Rennfahrerlegenden auf der Retro Classics auf dem Stand der Hockenheim Historic
- Jean Alesi – Tradition und Vision sind die Hauptparameter auf dem Genfer Automobilsalon
- Vic Elford – Er siegte für Porsche bei der Rallye Monte Carlo
- Roland Bleinroth: Schulterschluss mit Audi, Mercedes und Porsche zu 125 Jahre Auto
- Timo Glock: Rundenkönig in Barcelona
- Khaleb Al Qubaisi: Erfolgreicher Langstrecken-Einstand in Dubai
- Bernhard Mattes: ADAC Gelber Engel – Persönlichkeit 2011
- Huschke von Hanstein: 100 Jahre Rennbaron
- Timo Bernhard: Motorsportler des Jahres
- Oliver Schmidt: 60 Jahre Formel 1
- Sebastian Vettel gewinnt mit Michael Schumacher den ROC-Nations-Cup
- David Piper: Der Porsche 917-Bändiger ist 80
- Rainer Braun: Eine Journalisten-Legende ist 70
- Gerhard Mitter: Siegfried C. Strasser schrieb das Buch über meinen Vater
- Kremer Racing: traditioneller Rennstall mit neuem Besitzer und neuem Buch
- Roland Asch: Der Schwabenpfeil ist 60
- Herbert Stenger: Der Berglöwe beim 12. Int. Jochpass Memorial
- Stefan Knittel: Hockenheim Classics mit Helmut Dähne, Piero Laverda, Lothar John und weiteren Meistern
- Sean Edwards: Spa-Francorchamps mit harten Positionskämpfen beim Porsche-Supercup und in der Formel 1
- Jochen Berger: Dem Motorsport bis zuletzt verbunden
- Sascha Maassen: Porsche Supercup bei der Formel 1 auf dem Hockenheimring mit den Siegern Alonso, Massa und Vettel
- Stefan Bradl: Eines der härtesten Rennen auf dem Sachsenring
- Herbert Linge: Bei der Le Mans Classic wird Geschichte wieder lebendig
- Helmut Bross: Die Württembergische Classic war der Hit
- Hans Herrmann: Le Mans vor 40 Jahren war mein größter Erfolg
- Romain Dumas: Das Diesel-Duell in Le Mans gewonnen
- Peter Rubatto: Publikumsliebling der Klassikwelt Bodensee
- Siegfried Spiess: 75 Jahre sind noch lange nicht genug
- Jörg Bergmeister: 22,15 Stunden mit dem 911 GT3 R Hybrid
- Timo Glock: In Barcelona durchgefahren, in Monaco weniger erfolgreich
- Philipp Fürst zu Hohenlohe-Langenburg: 20 Jahre Deutsches Automuseum
- Jürgen Neuhaus: Die Interserie war mein Leben
- Als Privatfahrer so schnell wie ein Profi
- Thomas König: Vor 60 Jahren wurde in Zuffenhausen der erste Porsche 356 gebaut
- Sepp Melkus: Ich möchte die Idee meines Großvaters aufleben lassen
- Peter Müller: Artega meldete sich in Genf zurück
- Norbert Singer: Talkrunden bei der Retro Classics 2010
- Klaus Kaiser: Vor 50 Jahren ging eine der härtesten Rallyes an den Start
- Richard Thorne: Ein Projekt mit Stefan Scieszka und dem Segen von Charles Morgan
- Clive Chapmann: Classic Team Lotus und das neue Formel 1-Team
- Prof. James Kelly: Wir schaffen Talente, keine Fahrzeuge
- Tetsu Ikuzawa: Seit über 40 Jahren Porsche
- Martin Tomczyk: DTM-Pilot zu Gast auf der CMT in Stuttgart
- Walter Schock: Der MCS erinnert an seinen Sieg bei der Rallye Monte Carlo 1960
- Kurt Bergmann: Ich habe alles bei Opel nachrechnen lassen
- Horst von Saurma: Was gut ist, währt lange
- Marc Lieb: Im Team auf Erfolgskurs
- Rainer Braun: Hallo wie geht´s
- Eberhard Mahle: damals wie heute
- Timo Scheider: Auf Erfolgskurs
- Peter Falk: Le Mans ist immer Le Mans geblieben
- Herbert Linge: Die Scheibenbremsen kommen
- Kurt Ahrens: Der 917 war kaum zu bändigen
- Tom Kristensen: Le Mans ist heute noch so wie früher
- Hans Mezger: ohne Beispiel
- Harald Schmidt: Keimzelle des Erfolgs im Autoland Baden-Württemberg
- Heinz Fuchs: Lebe wild und gefährlich
- Roland Bleinroth: unbeeindruckt von der Wirtschaftskrise
- Walter Röhrl: Licht und Schatten
- Im Schalensitz: Porsche 917 1968-1975, Die Bibel zum Auto von Walter Näher





Diskussionen